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22 Nov
Kommentar Einstellung der Financial Times Deutschland: Das Internet ist nicht an allem Schuld!

Zum SPON-Artikel vom 22.11.2012, aus dem Think Tank Xinnovations e. V.

Wie Spiegel Online recherchierte, wurde die Financial Times Deutschland in den vergangenen Jahren durch den Gruner+Jahr Verlag in Hamburg nur noch künstlich am Leben gehalten, man setzte auf gedruckte Kostenlos-Ausgaben als Zukunftsmodell. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung wird zitiert mit einem Gesamtverlust der FTD - Druckausgabe von 250 Millionen Euro.

Dem Autor kann man nur zustimmen, wenn er behauptet, die Verlagsmanager hätten es sich in den vergangenen Jahren zu einfach gemacht, wenn sie resignierten, das Umsonstmedium Internet sei an allem Schuld. Denn so ist es nicht!

Wer sich in der Medienbranche mit seinen Angeboten nicht ausreichend bewegt, spielt mit seiner Existenz – dieser Grundsatz gilt nicht erst seit der Entstehung des Internet und nicht nur für Unternehmer der Verlagsbranche. Zu lange haben diese sich auf ihrer komfortablen Situation ausgeruht und auf Basis ihrer hohen Anfangsinvestitionen ihre sprudelnden Gewinne für selbstverständlich erachtet. Hier ein neues Blatt, dort eine neue Beilage – das reicht bei weitem nicht! Der Verlagsbegriff hat sich grundlegend weiterentwickelt, viele etablierte Print-Verleger nicht.

Das Geschäftsmodell, mit dem sie sich zu lange in trügerischer Sicherheit wägten, wirkt mit dem Begriff First-Copy-Costs geradezu verführerisch für einen Kaufmann. Denn eigentlich verursacht nur die erste Ausgabe die Kosten der Redaktion, ab Ausgabe 2 wird nur noch kopiert. Die Freude über kaum wahrnehmbare variable Stückkosten lenkte die Aufmerksamkeit der Verleger offensichtlich weg vom eigentlichen Geschäftsprozess und ihren in den letzten 20 Jahren stetig ins Digitale erodierenden Kunden. Doch auch heute will man die grundsätzlichen Änderungen im Konsumverhalten noch immer nicht wahrhaben und verspielt damit die wahrscheinlich letzte Kernkompentenz – die Redaktion!

So ist es jetzt geschehen: Die FTD steht vor dem Aus; wieder verlieren Redakteure ihre Jobs, weil man ihr Medium nicht den Kommunikationsgrundlagen der Zeit angepasst hat. Dabei war der Mutterverlag Gruner+Jahr eigentlich mit ausreichend finanziellen und fachlichen Mitteln ausgestattet, um die nötigen Business Development-Prozesse einzuleiten. Man setzte aber offenbar andere Prioritäten.

Die Entscheidungsstrukturen waren scheinbar zu starr, die politischen Interessen zu wenig konstruktiv inspiriert. Der Generationswechsel im Management des Verlagsbereichs kam viel zu spät. Neuerungen konnten die Talfahrt nur noch verlangsamen, nicht mehr aufhalten. Neben Redakteuren verantworten nun auch wieder innovationsorientierte Medienmanager die verlegenen Entscheidungen ihrer Vorgesetzten. Die Doppeldeutigkeit des Wortes "verlegen" – eine schicksalhafte Ironie.

Wie gut hätte man sich mit der Financial Times England oder dem Spiegel, an dem Gruner+Jahr nicht unerheblich beteiligt ist, zusammentun können und ein digitales Wirtschaftsmedium mit internationaler Bedeutung ähnlich des Wall Street Journals aufbauen können, das der Autor als funktionierendes Beispiel anführt. Stattdessen druckte man weiter seitenweise Aktienkurse vom Vortag auf Papier.

Als man die Namensrechte an der englischen Traditionsmarke für viel Geld erwarb, wollte man eine neue europäische Wirtschaftszeitung aufbauen, die immer zuerst die wichtigsten Neuigkeiten quasi ad-hoc verbreitet. Wie nötig wäre es da gewesen, in die FTD als Echtzeitmedium zu investieren! Man entschied sich damals – und das mag ein Sinnbild für die Branche sein – stattdessen für lachsfarbenes Papier als "Innovation".
 
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